{"id":99,"date":"2014-03-31T15:40:58","date_gmt":"2014-03-31T13:40:58","guid":{"rendered":"http:\/\/schmidischreibt.ch\/?p=99"},"modified":"2014-03-31T15:39:45","modified_gmt":"2014-03-31T13:39:45","slug":"sternenfahrer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schmidischreibt.ch\/?p=99","title":{"rendered":"Sternenfahrer"},"content":{"rendered":"<p>Gintoc lag mit seinem Sohn Hana vor ihrem Haus auf der \u00fcppigen Wiese, die sanft vom Licht des aufgehenden Mondes erhellt wurde und sah sich die Sterne an. Das taten die beiden in der warmen Jahreszeit \u00f6fters und genossen die gemeinsame Zeit zusammen. Er hatte ihn nur selten hier und war froh, wenn er die wenigen Stunden mit ihm auf diese Art und Weise zubringen konnte.<br \/>\n\u201ePapa, diese vielen Sterne. Gibt es da noch andere wie uns?&#8221;<br \/>\nGintoc r\u00e4usperte sich. Sein Sohn stellte ihm diese Frage jedes Mal.<br \/>\n\u201eNat\u00fcrlich&#8221;, erwiderte er ruhig,&#8221;oder denkst Du wirklich, dass die G\u00f6tter nur uns im unendlichen Universum versteckt haben?&#8221;<br \/>\nEr \u00fcberlegte kurz.<br \/>\n\u201eNein, ich denke nicht, Papa.&#8221;<br \/>\nDie beiden lagen wortlos nebeneinander. Dann legte Hana seinen Kopf auf den Bauch seines Vaters und rutschte herum, bis er eine bequeme Position gefunden hatte. Gintoc streichelte ihn sanft durch seine Haare.<br \/>\n\u201eWeisst Du, Hana, eines Tages werden wir zu den Sternen fahren und andere finden, die sind wie wir.&#8221;<br \/>\n\u201eAber Papa, das machen wir doch bereits. Du weisst schon, die vielen Raketen!&#8221;<br \/>\n\u201eRichtig Hana, aber das ist erst der Anfang. Das Universum ist viel gewaltiger und wir m\u00fcssen noch so viel lernen, bevor wir es richtig verstehen k\u00f6nnen.&#8221;<br \/>\nMit einem Mal sauste am Himmel eine Sternschnuppe vorbei und vergl\u00fchte mit einem langem Schweif in der Atmosph\u00e4re.<br \/>\n\u201eDa, schau&#8221;, gluckste Hana vergn\u00fcgt und zeigte auf die Sternschnuppe. &#8220;Das bringt doch Gl\u00fcck, oder nicht?&#8221;<br \/>\nSein Vater nickte wortlos. Eine Tr\u00e4ne rann ihm \u00fcber das Gesicht und er wischte sie rasch weg, bevor sein Sohn sie bemerkte.<br \/>\n\u201eUnd wann fliegen wir denn zu den Sternen?&#8221;<br \/>\n\u201eBald, Hana, bald. Nur Geduld.&#8221;<br \/>\nSein Sohn drehte den Kopf zum ihm.<br \/>\n\u201eAber Papa, wie bald ist bald? Und wenn sie losfliegen, kann ich dann mit dabei sein?&#8221;<br \/>\nAlles in ihm zog sich zusammen. Er konnte seinem Sohn kaum antworten. Mit belegter Stimme erwiderte er:\u201eSicher, Hana. Du musst nur noch ein bisschen durchhalten. Dann kannst Du als Astronaut irgendwann zu fernen Planeten reisen.&#8221;<br \/>\nZufrieden sah sein Sohn wieder in den Himmel. Eine weitere Sternschnuppe flog \u00fcber das Firmament.<br \/>\n\u201eNoch eine, sieh doch Papa!&#8221;<br \/>\n\u201eJa, heute scheint zweifellos ein guter Abend zu sein.&#8221;<br \/>\nHana kicherte leise und kuschelte sich n\u00e4her an seinen Vater. Es war merklich k\u00e4lter geworden. Gintoc griff nach der mitgebrachten Decke und deckte sich und seinen Sohn damit zu. Er achtete peinlichst genau darauf, keine der Infusionen zu behindern, die in Hanas K\u00f6rper f\u00fchrten.<br \/>\n\u201ePapa?&#8221;<br \/>\n\u201eJa, Hana?&#8221; Er wusste genau, was jetzt kam.<br \/>\n\u201eWerde ich wieder gesund?&#8221;<br \/>\nWie er diese Frage hasste. Nicht, weil sein Sohn sie ihm immer wieder stellte, sondern weil er keine richtige Antwort darauf geben konnte. Oder vielmehr, weil er sie ihm nicht geben wollte. Hana war unheilbar erkrankt an einem Virus, das seit einigen Jahren auftrat und ausschliesslich Kinder befiel. Die Diagnose vor ein paar Monaten war ein Schock und er hatte seither versucht, seinem Sohn die verbliebene Zeit so angenehm wie m\u00f6glich zu gestalten. Aber irgendwann w\u00fcrde der Punkt kommen, an dem er ihn einweihen musste. Laut seinem behandelnden Arzt hatte Hana lediglich noch ein paar Wochen zu leben. Danach w\u00fcrde das Virus die lOrgane befallen und unweigerlich zu seinem Tod f\u00fchren. Gintoc lenkte ab.<br \/>\n\u201eHast Du schon geh\u00f6rt, dass unsere Wissenschaftler einen anderen Planeten gefunden haben, auf dem theoretisch Leben m\u00f6glich w\u00e4re?&#8221;<br \/>\nHana riss staunend die Augen auf und sch\u00fcttelte seinen Kopf.<br \/>\n\u201eJa, ein Sternensystem mit 8 Planeten. Und der dritte Planet liegt in einem sehr guten Abstand zu seiner Sonne. Vielleicht gibt es dort auch Leben.&#8221;<br \/>\nHana gr\u00fcbelte lange. \u201eWie weit ist das entfernt?&#8221;<br \/>\n\u201eViele Lichtjahre.&#8221;<br \/>\n\u201eWie weit ist das, Papa?&#8221;<br \/>\n\u201eWeit, sehr weit.&#8221;<br \/>\nWieder hielt er kurz inne. Es schien, als ob er versuchte, die gr\u00f6sseren Zusammenh\u00e4nge herzustellen.<br \/>\n\u201eDas bedeutet, dass wir da nicht hinfliegen k\u00f6nnen, oder&#8221;, stellte er dann pl\u00f6tzlich entt\u00e4uscht fest.<br \/>\n\u201eJa Hana, leider richtig. Heute und morgen nicht, aber vielleicht irgendwann einmal.&#8221;<br \/>\nSein Sohn seufzte leise, fand sich dann aber mit der Antwort ab.<br \/>\n\u201eAber weisst Du, was viel wichtiger ist, Hana?&#8221;<br \/>\nSein Sohn drehte seinen Kopf wieder zu ihm.<br \/>\n\u201eDass wir zwei zusammen sind.&#8221;<br \/>\nSein Sohn l\u00e4chelte ihn an. \u201eIch hab dich lieb, Papa.&#8221;<br \/>\n\u201eIch dich auch, mein Kleiner, ich dich auch!&#8221;<br \/>\nSie lagen noch ein paar Stunden im Gras und genossen die Ruhe. Sp\u00e4ter am Abend musste Gintoc seinen Sohn wieder ins Krankenhaus zur\u00fcckbringen, da er jeweils nur ein paar Stunden bei ihm verbringen durfte.<br \/>\nIn den folgenden Wochen raubte ihm das Virus zusehends die Kraft bis er kurz vor seinem Geburtstag in ein tiefes Koma fiel. Zur selben Zeit entdeckten Wissenschaftler auf einem Erkundungsflug in ihrem Sonnensystem eine Sonde, auf die in unbekannten Buchstaben das Wort \u201eVOYAGER I&#8221; aufgedruckt war. An Bord fanden Sie eine seltsame goldene Scheibe und Koordinaten von genau von diesem Sonnensystem, das sie einige Monate zuvor entdeckt hatten.<br \/>\nAls Gintoc seinen Sohn wie jeden Tag im Krankenhaus besuchte und ihm die Nachricht von dieser Entdeckung \u00fcberbrachte, zuckte er leicht mit dem Mundwinkel. So als wollte er l\u00e4cheln und seinem Vater zeigen, dass er ihn verstanden hatte und sich \u00fcber die Neuigkeit freute. Er hielt Hanas Hand und hatte das Gef\u00fchl, dass er ein leichtes Dr\u00fccken sp\u00fcren konnte, kurz bevor sein Sohn ein letztes Mal tief einatmete und schliesslich sein Herzschlag f\u00fcr immer aussetzte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gintoc lag mit seinem Sohn Hana vor ihrem Haus auf der \u00fcppigen Wiese, die sanft vom Licht des aufgehenden Mondes erhellt wurde und sah sich die Sterne an. Das taten die beiden in der warmen Jahreszeit \u00f6fters und genossen die gemeinsame Zeit zusammen. 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